OPTIMISMUS SIEGT ein Artikel aus der ZEIT 17/02/11

Ich hänge manchmal bewußt dem Medien definierten Weltgeschehen hinterher,
vielleicht auch, um mir die Chance zu geben, im Nachhinein meine intuitive Wahrnehmung und Einschätzung größerer Zusammenhänge bestätigen zu lassen.
Mit diesem Artikel in der „ZEIT“ vom 17/02/11 von Thomas Assheuer ist es mir so gegangen, ich fand ihn bemerkenswert und möchte ihn deshalb vollständig bloggen.
Viel Spaß beim Lesen
Sabine Pabel

gehalten

OPTIMISMUS SIEGT!
von Thomas Assheuer in der „ZEIT“ vom 17/02/2011

Abgesehen von Krieg und Vernichtung – was ist das Schlimmste, das der Menschheit passieren könnte? Das Schlimmste, so schrieb der amerikanische Philosoph Richard Rorty einmal, sei es, wenn die Welt ihre Hoffnungen verlöre und das Wort »Zukunft« seine Faszination. Das Schlimmste ist die Ausweglosigkeit – jener traumlose Zustand, in dem die Macht so unverrückbar ist wie Beton.

Noch bis vor Kurzem hätte man sagen können, Richard Rorty war ein Prophet. Seine Befürchtung ist in vielen Ländern wahr geworden: der Bedeutungsverlust der Vereinten Nationen und der Aufstieg der autoritären Supermacht China; die neue Selbstherrlichkeit der Autokraten, die wie Ahmadineschad den Aufstand der Jugend einfach niedertreten. Oder die Macht der Taliban, die in dem Maße wächst, wie sie mit dem bewaffneten Universalismus der Menschenrechte in Berührung kommt. Ausweglos das Drama der Unversöhnbaren im Nahen Osten, unendlich stabil die Lage im nordafrikanischen Despotengürtel, während die Zahl der failed states wuchs wie die Zahl der asymmetrischen Kriege. War damit nicht Rortys traumlose Weltgesellschaft Wirklichkeit geworden? Und sind nicht die ewigen Weltverbesserer blamiert, jenes armselige Häuflein theoretischer Spinner, das an den Fortschritt der Freiheit glaubt – an eine globale Ordnung, in der jeder Mensch das Recht hat, Rechte zu haben, und in der keine Regierung im Amt ist, die nicht aus freien und gleichen Wahlen hervorgegangen ist?

Doch nun hat der arabische Umsturz unsere Wahrnehmung revolutioniert und ein pessimistisch verdüstertes Weltbild ins Wanken gebracht. Der Freiheitswillen ist verblüffend, niemand hatte ihn für möglich gehalten, und deshalb fasziniert er die Menschen in aller Welt. In Tunesien jagten freiheitshungrige Bürger ihren Herrscher in die Wüste, in Algerien, in Bahrain und im Jemen gehen die Menschen auf die Straße, und mit stupender Beharrlichkeit haben die Ägypter ihren pharaonischen Herrscher Mubarak niedergerungen. Die arabische Revolte ist kein regionales Vorkommnis, sie ist ein transnationales Ereignis. Wie immer es mit ihr weitergehen wird, selbst wenn sie scheitern sollte – der politische Funken, den sie entzündet hat, gibt den Menschenrechten überall auf der Welt zwischen Teheran, Peking und Havanna die revolutionären Energien zurück. Die arabische Revolte beflügelt die politische Imagination, die Hoffnung auf Freiheit, auf Gerechtigkeit und Würde. »Es vergisst sich nicht mehr« (Immanuel Kant).

Nun gibt es ein Tabu, und dieses Tabu besteht zu Recht: Es ist unzulässig, über den Gang der Geschichte zu mutmaßen, über historische Gesetze und ihre untergründige Logik. Denn »die Geschichte« im Singular gibt es nicht; mit Hegel ist der Weltgeist gestorben und mit Jacob Burckhardt die Universalgeschichte. Und dennoch – es lohnt sich, gegen das wissenschaftliche Tabu zu spekulieren und versuchsweise zu fragen, ob sich in den arabischen Aufständen eine historische Dynamik fortsetzt, deren letztes großes Datum vom Jahr 1989 markiert wird, dem Zusammenbruch des Kommunismus. In dieser Lesart wäre der arabische Umsturz also nicht eine reaktionäre Reprise der iranischen Revolution von 1979, die einer charismatischen Erlöserfigur nachlief und im theokratischen Terror endete. Die Protestbewegungen in Tunis, Algier und Kairo stünden vielmehr in der Linie des Ungarnaufstandes, des Prager Frühlings und des Mauerfalls, das heißt, sie gehörten zum Typ jener nachholenden Revolution, mit der unerschrockene Bürger versuchen, ihr Land auf den Stand der geschichtlich möglichen Freiheit zu bringen. Und diese Freiheit heißt: politische Selbstbestimmung.

Wem die Rede über eine demokratische Dynamik der Geschichte vertraut vorkommt, der erinnert sich richtig. Es war der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, ein konservativer Hegelianer, der 1992 mit einem Buch über das Ende der Geschichte über Nacht berühmt wurde. Fukuyamas erschöpfend zitierter Befund lautete, mit dem Untergang des Kommunismus habe »die Geschichte« das liberale amerikanische Gesellschaftsmodell, die glückliche Verbindung aus Demokratie und Kapitalismus, zum Sieger gekürt. Die Ära der Barbarei und Weltbürgerkriege sei vorbei; früher oder später werde die Welt frei und demokratisch sein.

Die Druckerschwärze war noch nicht ganz trocken, als Jugoslawien zerfiel und der Krieg zurückkehrte, mitten im Herzen Europas. Damit war Fukuyamas frohe Botschaft zwar erst einmal erschüttert – widerlegt aber war sie in seinen Augen nicht. Denn zeigte nicht der von der Nato erzwungene Frieden, dass die Tage der Despoten gezählt und der demokratische Trend nicht aufzuhalten war? Der Jugoslawienkrieg, so konnte man Fukuyama lesen, war nur ein Rückfall, eine Abweichung vom Ziel der Weltgeschichte, ein letztes Zaudern des gütigen Weltgeistes auf dem unbeirrbaren Weg seiner Selbstverwirklichung.

Wer trotz Srebrenica doch wieder an eine unumkehrbare Tendenz der Weltgeschichte glauben wollte, der wurde am 11. September 2001 auf brutale Weise aufgeklärt. Der Anschlag islamistischer Killer auf das New Yorker World Trade Center, dem 3000 Menschen zum Opfer fielen, verdunkelte nicht nur die Zukunft, er tauchte auch die Epochenzäsur von 1989 in ein anderes Licht. Während für Fukuyama nach dem Untergang des Kommunismus der »Kampf der Kulturen« zu Ende war, erschien nun eine konträre Deutung viel realistischer. Sie lautete: Mit dem Mauerfall springt der im Kalten Krieg bloß eingefrorene Weltlauf wieder in sein altes Gleis; die Geschichte »normalisiert« sich und zeigt der friedensverwöhnten Welt ihr zeitloses Wesen: den ewigen Antagonismus von Freund und Feind, den Wechsel von Krieg und Frieden und den unbezähmbaren Kampf der Kulturen.

Auch für diese pessimistische Weltsicht stand bereits ein Autor bereit, nämlich der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington. Für ihn war der 11. September, überhaupt der fanatische Widerstand der Islamisten gegen das westliche Modell, der schlagende Beweis für den immerwährenden »Kampf der Kulturen«. Und die Menschenrechte, das folgte daraus, gelten nur in dem Kulturkreis, in dem sie erfunden wurden. In dem vom Islam eisern umklammerten arabischen Raum gelten sie eher nicht.

Keine Frage, im Wettstreit der Weltdeutungen gewann Huntington rasch die Oberhand; sein machtpolitischer »Realismus« siegte über Fukuyamas Hoffnung auf eine demokratische Weltgesellschaft. Nur die amerikanischen Neokonservativen – und darin waren sie revolutionär – sprachen noch von einer Demokratisierung der Welt. Allerdings strebten sie dieses Ziel nicht mit friedlichen Mitteln an, sondern wollten es mithilfe der U. S. Army durchsetzen, mit shock and awe, mit Krieg und dem Bruch des Völkerrechts. Das Ergebnis steht allen vor Augen. Amerikas Irakintervention, die das Land von Saddam Hussein befreite und Hunderttausenden Menschen das Leben kostete, dann die Folterskandale von Abu Ghraib und Guantánamo – diese Niederlage ließ die Diktatoren jubeln und war Wasser auf die Mühlen derer, die die Menschenrechte schon immer für eine Propagandalüge des Westens hielten.

Mit der Irakintervention und dem Verlust seiner moralischen Autorität begann der Abstieg Amerikas und der »Aufstieg der Anderen« (Fareed Zakaria). Zuletzt bewies die Finanzkrise, dass das goldene Zeitalter des Westens zu Ende geht und damit seine humanitäre Metaphysik, die Verheißung der Menschenrechte. Kurzum, innerhalb von zwanzig Jahren hatte sich Fukuyamas Prognose in ihr Gegenteil verkehrt. Wenn es einen Megatrend gab, dann war es eben nicht die Globalisierung der Freiheit, sondern die Globalisierung der Unfreiheit. Huntingtons Kampf der Kulturen hingegen, seine Behauptung von der bloß regionalen Gültigkeit der Menschenrechte, schien den Segen der Weltgeschichte zu bekommen. Eine arabische Revolte? Ein regime change? Undenkbar.

Sogar in Europa breitete sich Demokratiemüdigkeit aus. In Italien hält sich ein gefährlicher Clown wie Berlusconi an der Macht; und die ungarische Regierung legt unter den Augen der EU die Axt an den Rechtsstaat. Unter Intellektuellen entstand das neofatalistische Grundgefühl, dass die klassische Moderne mit ihrer Verbindung aus Demokratie und Marktwirtschaft ihren Zenit überschritten hat. Der Kapitalismus »häutet sich«; er lockert die historische Verbindung zur Demokratie und demütigt die Politiker – sie sind nur noch dafür da, die »freie Einsicht« in ökonomische Notwendigkeiten zu organisieren.

Wer will, der kann im Undenkbaren, im Ausbruch der arabischen Revolte, eine List der Vernunft entdecken, eine abgründige historische Ironie. Denn es war ausgerechnet die im Herzland des Kapitalismus ausgebrochene Wirtschaftskrise, die die Nahrungsmittel derart verteuerte, dass den nordafrikanischen Herrschern das Zuckerbrot ausging, um ihre Bürger weiterhin ruhigzustellen. Der erste Aufstand begann, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, mit einem Protestzeltlager in der Westsahara (Th. Schmid, Berliner Zeitung, 6. November 2010), und hier schon forderten die Demonstranten nicht nur Brot, sondern auch soziale Rechte. Mit einem Wort: Es waren die Schockwellen der Finanzkrise, die den revolutionären Geist der Freiheit hervortrieben und den Westen mit genau jenem Universalismus der Menschenrechte konfrontiert, den er mit der Parole »Kampf der Kulturen« verraten wollte. Die aufständischen Bürger widerlegen die Stubenweisheit, die Menschenrechte seien nur im »westlichen Kulturkreis« heimisch.

Gut möglich, dass die Anhänger Fukuyamas wieder Rückwind verspüren und in der arabischen Revolte ihren lange unsichtbaren demokratischen Trend wiederauferstehen sehen. Und doch kommt hier nichts aus der numinosen »Tiefe« des Geschichtlichen: Es ist die Weltgesellschaft selbst, die politischen Sprengstoff produziert. Die Globalisierung – darauf haben Christoph Menke und Arnd Pollmann hingewiesen (Philosophie der Menschenrechte, Junius Verlag) – hat bis in den letzten Winkel der Erde eingelebte Gemeinschaften erschüttert; sie hat viele Menschen vereinzelt und zu Marktbürgern gemacht. Schutzlos stehen die aus ihren Traditionsverbänden herausgelösten Marktbürger nun der autokratischen Willkür eines Staats gegenüber, der ihnen lediglich das Recht gewährt, ökonomischen Erfolg zu haben oder in der Gosse zu verhungern. Algerien, Tunesien, Ägypten – diese Länder partizipieren in vollem Umfang an der kapitalistischen Weltgesellschaft, sie kennen ein Privatrechtssystem – und verweigern ihren Bürgern dennoch die grundlegenden politischen Rechte. Deshalb ist die arabische Revolte eine nachholende Revolte. Sie will nicht länger hinnehmen, dass ein Container mit wässrigen holländischen Tomaten mehr Rechte besitzt als ein Mensch.

Wie immer die Revolten ausgehen – und niemand wird das ägyptische Militär für einen Garanten der Freiheit halten –, so schnell wird sich das neue Selbstgefühl der Bürger, das Bewusstsein ihrer politischen Autonomie, nicht aus der Welt schaffen lassen. Die anarchistische Kommunikation des Internets stellt die politische Wachsamkeit auf Dauer, sie sorgt für jenes »Monitoring der Macht«, von dem der Politikwissenschaftler John Keane sagt, dass vor ihm künftig kein Rechtsverletzer und kein Folterknecht mehr sicher sein könne. »Wir sind alle Ägypter« ist dieser Tage auf chinesischen Webseiten zu lesen. So schärft die arabische Revolte das moralische Gefühl für Recht und Unrecht, Freiheit und Unfreiheit, und gebannt nimmt die Welt an diesem Drama teil. »Die Revolution eines geistreichen Volkes«, so schrieb Immanuel Kant, »mag gelingen oder scheitern« – und doch »findet die Revolution in den Gemütern aller Zuschauer eine Teilnehmung dem Wunsche nach, die nahe an Enthusiasmus grenzt und keine andere als eine moralische Anlage im Menschengeschlecht zur Ursache haben kann«.

gehalten

Über sabinepabel

Ich habe eine Praxis für Kunsttherapie und Traumatherapie / Somatic Experiencing in Berlin Kreuzberg/Mitte, Deutschland. Dieser Blog bildet einen Übergang / ein transitional zwischen Themen, die mich beruflich und privat bewegen. Meine Website: www.kunsttherapie-pabel.de
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2 Antworten zu OPTIMISMUS SIEGT ein Artikel aus der ZEIT 17/02/11

  1. claudia Ohiogboan schreibt:

    Um einen Kommentar zu schreiben, muss ich mir 9 „heiße“ girls ansehen…werbung für einen Flirt-Chat…wahrscheinlich auch nicht in deinem Sinne…

    Ich habe versucht, den Artikel 2mal zu lesen…schwierig .
    Das ist meine Kritik an Zeitungen wie Zeit oder Tagespiegel…sie drücken sich meiner Meinung nach so aus, dass nicht jede/r sie versteht…ich denke, ich bin nicht die Ausnahme.
    Ich ahne, intuitiv, in welche Richtung der Artikel geht, mir fehlt jedoch zuviel Hintergrundwissen.
    Schade.

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    • sabinepabel schreibt:

      Danke Claudia für Deine Rückmeldung, sonst wüßte ich gar nicht, dass vor dem Kommentieren eine sexistische Werbung läuft.
      Ich nehme an,die Blog-betreiber wollen so den Kauf eines Pro-Accounts forcieren.
      Eine Frechheit, wie ich finde.
      Natürlich will ich keine solche blöde Werbung, aber mein Account reicht mir eigentlich so aus.

      Zum Artikel: manchmal muss man/frau ja nicht Alles vom Kopf/Denken her verstehen. Es reicht oft schon die Ahnung, das Gefühl worum es geht. Darum die ging es mir, ich wollte eine Stimmung wiedergeben.
      Auch Zeitungen verkaufen sich sprachlich mit einem gewissen Image, so ist die ZEIT eben intellektuell aufgemacht, was auch immer das heißt. Wäre die andere Seite dann dumm oder protetarisch? Eigentlich ungeschickt von den Machern der ZEIT, denn so erreichen sie weniger Leser.

      Ja, ja Schubladen über Schubladen. Lass uns einfach wieder raus kriechen aus dem Schuladen und uns wirklich begegnen.
      Ich freu mich auf Deine Ausstellung in der Bibliothek Neukölln.
      Mit herzlichem Gruß
      Sabine Pabel

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