MÄNNER BERUF(UNG) TRAUMA UND GESELLSCHAFT

Männer, Beruf(ung), Trauma und die Gesellschaft.

Sicherheitsdienst

Ich möchte hier über die Traumatisierung von Männern durch die gesellschaftlichen Aufgaben im Zusammenhang mit ihren Berufen schreiben.
Ich weiß, dass auch Frauen in belastenden Berufen arbeiten, aber um die geht es mir heute nicht. Die traumatisierten Frauen mögen mir verzeihen.
Ich habe den Eindruck, dass Männer mit Belastungen und Überforderungen, bis hin zur Traumatisierung sehr anders umgehen als Frauen.

Exkurs: schon damals, als wir noch in Höhlen lebten, ist vielleicht das Bild entstanden, der Mann steht draußen, in der Gefahr seinen Mann und kommt er dann noch halbwegs lebend nachhause, wird er von der Frau beruhigt und gepflegt . Ob das den Tatsachen entspricht, wissen wir heute nicht. Vielleicht sind es auch nur unsere heutigen Bilder von der damaligen Zeit. Vielleicht war die „Arbeitsteilung“ viel gleichberechtigter, wer weiß.

Eine Tatsache ist, dass sich heute Männer, die in Berufen arbeiten, die emotional oder psychisch sehr belastend sind, seltener Hilfe suchen, oder gar zugeben, dass sie überfordert, erschöpft am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen sind, als es Frauen tun.

Gerade Männer in Berufen, die Gefahr abwenden, helfen, schützen, werden Männer häufig traumatisiert.
Ich spreche von Polizeibeamten, Sicherheitsdienstlern, Feuerwehrmännern, Krankenwagensfahrern, Soldaten nicht zu vergessen von Ärzten.
Bestimmt gibt es noch andere, die ich jetzt vergesse aufzuzählen.
MANN möge mir verzeihen.

In diesen Berufen kommt es häufig zu Situationen, die bedrohlich, bis hin zu lebensgefährlich sind. Überforderung ist dort an der Tagesordnung und wird eigentlich nicht hinterfragt. Männer schützen sich mit Kameradschaft, wie bei der Feuerwehr, mit Regeln, Zuverlässigkeit, einhalten von Absprachen oder sind bei ihrem Einsatz auf sich allein bestellt.

Ich möchte ein Beispiel wählen, nennen wir ihn Herrn G.
Herr G. ist ein 53 jähriger Familienvater, ist seit 28 Jahren verheiratet, hat zwei fast erwachsene Kinder. Er arbeitet im Sicherheitsdienst einer Supermarktkette.
Es ist ihm selbstverständlich, dass er die Verkäuferinnen, meist Frauen, im Supermarkt schützt, Konflikte deeskaliert, Ladendiebe festnimmt, Geldtransfer begleitet, meist in Abend und Nachtarbeit. Ihm ist die Logistik des Supermarkts sehr klar, er weiß, dass sein Arbeitsplatz wie eine Falle aufgebaut ist, was niemand von der Geschäftsleitung für ihn ändern würde, er weiß um Banden, die solche Supermärkte auskundschaften und dann gezielt Überfälle machen. Mit diesem Wissen arbeitete jeden Tag.
Ihm ist nicht klar oder doch und er kann sich nicht damit beschäftigen, dass diese ständige Bedrohung einen Einfluss auf seine Persönlichkeit hat, seinen Körper und sein Nervensystem verändert.
Herr G. hat ein sogenanntes breites Kreuz, sein Oberkörper ist breit, sein Hals ist kurz, seine Bewegungen sind in einem Block, seine Beine sind schnell und beweglich, seine Bewegungssprache ist ruhig und überlegt, er beherrscht sich ständig.
Ihm ist klar, wie er wirkt: beruhigend oder Angst einflößend. Er hat gelernt, Gespräche zu führen, zu deeskalieren, er kann Menschen gut einschätzen, denn er hat mit jeder Art von Menschen zu tun. Er ist nach außen orientiert, andere schützen, die Umgebung beobachten. Was macht das mit ihm selbst?

Er hat noch ein Ehrenamt, er ist als Seelsorger tätigt, begleitet Sterbende, führt Konfliktsgespräche in einer Gemeinde. Auch hier ist derjenige der vermittelt, ausgleicht, beruhigt, den Rahmen hält.
Was macht diese Aufgabe mit seinen Gefühlen, mit seinen eigenen Ängsten, mit der Überforderung, in die er vielleicht immer wieder kommt?

Er war eine Zeit lang bei der Freiwilligen Feuerwehr, spricht er über diese Zeit, deutet er wahre Schreckenszenarien an vom orientierungslos im Rauch rumlaufen, nur gesichert durch ein Seil, mit einer Forke nach eventuell verbrannten Menschen stochernd. Was macht so eine Arbeit mit einem Menschen, einem Mann. Das macht er mit der Angst, mit der Ohnmacht, mit der Verzweiflung, mit dem Schock, wenn er auf etwas unsagbar Schreckliches trifft? Was geschieht im Schlaf? Er hat den wiederkehrenden Alptraum seine Eltern nicht retten zu können.
Spricht er mit seiner Frau darüber? Oder beschützt er sie auch, indem er schweigt?

Er sucht den Ausgleich in der Natur, in einem warmen Land, das es er liebt, wo er nichts tun muss, keine Aufgabe hat, wahrnimmt und genießt, die Friedlichkeit genießt. Reicht das aus?

Wenn man ihn nachts weckt, springt er sofort auf, wirkt besonnen und umsichtig, scheinbar sofort wach, kann sich sofort auf den Fragenden beziehen. Wenn man ihn fragt, war er gar nicht richtig wach, hat es gar nichts richtig mitgekriegt, er hat funktioniert. Was macht das mit dem Nervensystem, immer im Einsatz, immer reagieren müssen.
Er schafft sich Ruhepausen, legt sich zwischendurch in seinem Wohnmobil, runterkommen, allein sein. Ist sein Handy dann aus?
Zusätzlich zu seinem anstrengenden Beruf muss er sich auch noch gegen Vorgesetzte behaupten, die Hackordnung der Männer, keine Unterstützung, sondern Konkurrenz. Auch hier muss er umsichtig sein, befriedigen, und gleichzeitig nicht unterwürfig sein, kann keine Angst, keinen Schreck, keine seine Überforderung zeigen.

Was geschieht mit diesen Gefühlen, dieser geballten Ladung Spannung, wenn sie über 30 Jahre, einen ganzen Berufsleben in einem Mann gespeichert werden?
Wann ist das Maß voll, was muss noch geschehen, dass es nicht mehr geht?
Mit wem kann er reden?
Es ist ihm schon irgendwie bewusst, dass er so belastet ist, aber „es geht schon“.

Auf einem Spaziergang mit mir, beim Gang über einen sumpfigen Teil, brach er plötzlich ein. – Was für ein Symbol – Keinen Boden mehr unter den Füßen haben, den Halt verlieren, sich ans Ufer kämpfen, sich sofort sichern und sich sofort um die ihn begleitende Frau kümmern. Der Schreck? Macht nichts, die Hose und die Schuhe sind nass, aber warum sollte man deshalb einen Spaziergang abbrechen?

Mit 14 war ein zarter junger Mann, wie man so schön sagt sensibel, viel mit seinem Hund im Wald unterwegs, hat sich von der überbemutternden Mutter abgegrenzt, indem er sich entzog.
Heute ist ein bulliger Mann, ein breiter Oberkörper, der Kopf mit dem Oberkörper verwachsen, ein mächtiger Bauch, Fett schützt ihn. So verändert sich der Körper eines Mannes, so schützt sich der Körper eines Mannes, mit Muskeln und Fett, starr werden.
Die Sensibilität ist immer noch in ihm, einfühlsam stellt er sich auf seine Umwelt ein, hört die emotionale Musik seiner Jugendzeit .
Wer hilft ihm eigentlich? So viele überfordernde Erlebnisse, Entsetzen, Bedrohung, ein Berufsleben angefüllt damit.

Da kann einem schon mal das Maß für das Ausmaß des Schreckens verloren gehen.
Er gab mir einen Film, den sollte ich mir mal ansehen, ihm eine Rückmeldung dazu geben. Der Anfang dieses Films mit Mord und Todschlag, Vergewaltigung, wurde in seiner Wahrnehmung einfach übersprungen, weil es in dem Film im späteren Verlauf um bedingungslose Liebe geht.
Ich habe diesen Teil nicht übersprungen, weil ich den Schrecken spüre.
Ist in mir der Schrecken ausgelöst worden, den er vielleicht nicht mehr spürt?

Ich habe als Therapeutin mit Jungen gearbeitet, die mir ihre schreckliche Geschichte vorgespielt haben. In ihrer Not haben sie versucht in mir ihren Schrecken hervorzurufen. Die Jungen wollten mit mir zusammen in ihrem Schrecken sein. Endlich nicht mehr allein damit sein.
Den Schrecken, den sie selbst nicht spüren durften/konnten, weil sie Jungen sind.
„Sei kein Feigling, stell dich nicht so an, ein Junge weint nicht, wehr dich“.

Vielleicht wollte Herr G. mit diesem Film nur seinen Schrecken mit mir teilen, aber er selbst wusste es gar nicht?
Weil dieser Schrecken normal geworden ist in seinem Beruf, in seinem Leben, weil er sich diesem Schrecken nicht mehr zuwenden kann, weil es sonst zu viel wäre.

Eine/Einer muss ihn doch mal sehen – Ich sehe ihn, ich spüre ihn!!
Es war schrecklich für mich den Anfang dieses Films zu sehen, ein Schock.
Ich hatte echt eine schlechte Nacht danach, konnte erst nicht verstehen, wie er mir so einen Film geben konnte. ich glaube es jetzt zu verstehen. Ist meine Vermutung richtig?

Ich habe Herrn G. zugehört, wenn er beiläufig seine Berufs-Geschichten erzählte, genau beobachtend wie ich reagiere, bloß nicht zu viel gucken lassen, sich selbst nicht überrollen lassen vom Horror.

Schon oft war ich mit Männern in ihrem Schrecken. Ich habe zwei Brüder, einen Partner der Psychiater ist.
Doch es ist nicht meine Aufgabe. Ich bin eine Freundin, Beziehungspartnerin , Schwester nicht immer eine Therapeutin.

Ich finde, dass gerade diese Männer, die in dieser Gesellschaft Schutz, Sicherung, haltende Funktionen haben, Unterstützung brauchen.

Es ist für sie sehr schwer eine Psychotherapie oder gar eine Traumatherapie zu beginnen.
Es ist ja nicht erlaubt schwach zu sein, sich Hilfe zu holen, wenn man selbst immer der Helfer ist.
Oft geht auch das Empfinden für die eigene Not im Muskelpanzer und ständigen Funktionieren verloren.

Der gesellschaftliche Anspruch an diese Männer ist durchhalten.
Es bleibt ihnen nichts anders übrig als zu erstarren, ihr Muskelpanzer, ihr Fettpanzer schützt sie scheinbar und dann ist es manchmal so, dass ihr Herz bricht (ein Herzinfarkt) oder eine scheinbar plötzlich kommende Depression oder ungesehen, unbemerkt eine Sucht entsteht, ein Unfall ihr Leben beendet.

IMG_7290

Somatic Experiencing ist eine Traumatherapiemethode, die diese Männer unterstützt wieder Zugang zu ihren zarten Empfindungsseiten zu bekommen. Empfindungen von Wohlbefinden nachzuspüren, auszudrücken und langsam, ganz langsam und geschützt diese ungeheure Traumaenergie zu entladen, die ein ganzes Berufsleben in ihnen gestapelt wurde und oft schon in der Kindheit mit einer Jungen spezifischen Erziehung zum hart werden begonnen hat.

Mit SE wird das traumatische Ereignis körperlich und geistig „neuverhandelt“. Dabei ist nicht das Ereignis selbst entscheidend, sondern die Reaktionsweise des Nervensystems, d.h. wie die physiologischen Regulationskräfte des Nervensystems mit der Bedrohung fertig geworden sind.

Mit SE ist es möglich, ohne Inhalt oder Erinnerung zu arbeiten, wenn das Ereignis emotional zu belastend erscheint. Eine mögliche Re-Traumatisierung bei der Aufarbeitung wird vermieden, indem die „eingefrorene“ Energie in kleinen Dosen „aufgetaut“ wird und schrittweise zur Entladung kommt. Durch das Aufspüren und Wiederbeleben dieser biologischen, körperlichen Abwehrkräfte, entsteht aus dem traumabedingten Gefühl von Lähmung und Erstarrung ein Gefühl von Lebendigkeit und eine Eröffnung von neuen Möglichkeiten und Lebensfreude. Die tief verankerten Nachwirkungen von Trauma können sich schonend auflösen.

http://www.somatic-experiencing.de

Es gibt zu wenig männliche Therapeuten – leider
Männer müssen lernen, Männern zu helfen

http://www.somatic-experiencing.de/se-anwender/se-anwenderliste/index.html

Tropfen

Advertisements

Über sabinepabel

Ich habe eine Praxis für Kunsttherapie und Traumatherapie / Somatic Experiencing in Berlin Kreuzberg/Mitte, Deutschland. Dieser Blog bildet einen Übergang / ein transitional zwischen Themen, die mich beruflich und privat bewegen. Meine Website: www.kunsttherapie-pabel.de
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu MÄNNER BERUF(UNG) TRAUMA UND GESELLSCHAFT

  1. janitha schreibt:

    Hi,

    ich finde deinen Beitrag richitg interessant, die Arbeit des anderen Geschlechtes kennenzulernen.
    Abeba arbeitsschuhe

    Gefällt mir

  2. sabinepabel schreibt:

    Ja danke schön für Deine Rückmeldung Janitha, das freut mich.
    Was meinst Du denn mit Arbeit des anderen Geschlechts? Das habe ich nicht verstanden, bin neugierig was Du da meinst.

    Gefällt mir

  3. claudia ohiogboan schreibt:

    Hallo Sabine,

    danke für deinen wunderbaren Beitrag, der mich sehr berührt und mir immer wieder eine Gänsehaut bereitet hat…
    Ich mag die sensiblen Seiten von Männern sehr…und es ist schön, wenn sie sie zeigen können…wenn sie sie selbst fühlen.Leider ist ihnen diese Seite oft unangenehm….ich glaube, der Druck seinen Mann zu stehen ist unglaublich groß.
    Ich kenne auch Männer, die meiner Meinung nach kurz vorm Burn- out stehen aber wenn ich dazu was sage, wird es bagatellisiert.
    Ich habe den Eindruck, dass Schlimmeres geschehen muss, damit Einsicht kommt…

    Viele Grüße,
    Claudia

    Gefällt mir

    • sabinepabel schreibt:

      Danke Claudia für Deine Rückmeldung
      Ich bin neugierig darauf wie Männer ihren Weg gehen, wie Jungen zu Männern werden.
      Heute ist das schon ganz anders und es gibt viel mehr Möglichkeiten für Jungen mit ihren Gefühlen und Empfindungen zu ihrem Körper verbunden zu bleiben UND ein Mann zu sein.
      Das stimmt mich hoffnungsvoll, auch für die „älteren“ Männer, denn die haben ja Kontakt zu den Jüngeren.

      Gefällt mir

  4. Mondrian1234 schreibt:

    Hej, – solche Sachen sollten viel häufiger ausgesprochen werden! – Ich betreue Überlebende von psychischen Traumatisierungen in der Kindheit und habe fast nur mit Frauen zu tun. Es gibt aber auch in diesem Bereich männliche Opfer! Die sich meist erst dann outen, wenns gar nicht mehr anders geht. Und ansonsten? Ich denke, sehr viele kompensieren mit beruflichem Ehrgeiz. Natürlich auch mit Alkohol – oder indem sie selbst Täter werden (wie auch immer.)
    In den 70er Jahren gabs in der BRD Ansätze einer „Männerbewegung“, in der Männer sich nicht zuletzt selbst darin bestätigen konnten, daß sie verletzlich sein dürfen.. – Aber davon scheint nichts übriggeblieben zu sein. Schade.

    Gefällt mir

    • sabinepabel schreibt:

      Ja, genau, darüber sprechen ist sehr wichtig. !!

      Danke Mondrian für die Rückmeldung. Gut, dass es Männer wie Dich gibt, die auch am/mit dem Thema arbeiten.

      Und es werden mehr!!

      Weil auch für Männer das Thema Trauma nicht mehr die Männeridentität vernichtend, sprich lebensbedrohlich ist.
      Weil es mittlerweile auch gesellschaftlich wahrgenommen wird, dass Männer auch Männer bleiben, wenn sie (mal) Opfer geworden sind.
      Tauwetter arbeitet schon sehr lange zu dem Thema und es gibt auch Projekte (von Männern), die den Männern helfen ihre Verantwortlichkeit wieder für Ihr Handeln zu spüren, die Täter wurden.

      LG S. Pabel

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s