ZU EIS ERSTARRT

Trauer um die Eltern und die Folgen des Krieges

Was soll ich machen, ich kann Ihnen nicht helfen.
Was ich gestern über meine Familie gehört habe macht mich sehr traurig.
Alle sprechen nicht über Ihre Gefühle, verbergen, mißtrauen, grollen, konsumieren oder trinken ihre Gefühle weg.
Die Frau, die neu dazu kam, die neue Schwägerin, kommt aus einer Familie in der Alles besprochen wird. Sie wunderte sich zunächst, dann wurde sie wütend, nun will sie nichts mehr mit meinen Elten und meinem einen Bruder zu tun haben. Der Bruder mit dem sie ein Kind hat, spricht nicht mit ihr, zieht sich zu seinen Bonsai zurück, liebt die Pflanzen und das Kind, aber ist nicht im Austausch mit ihr.
Mich fragt sie, ob ich keine Sehnsucht nach meiner Familie habe. Ja natürlich habe ich die, aber diese Familie, die sie da meint, gibt es so nicht. Es gibt nur Unbezogenheit, innere Leere und mechanische Rituale. Ich weiß, dass ich dann dafür zuständig wäre diese emotionalen Löcher mit meiner Lebendigkeit zu füllen. Das würde mich auch leer machen. Man kann Wasser nicht zur Quelle zurück tragen, es muss weiter nach unten zu den Kindern fließen nicht zurück.
Und sie werden mich nicht so wollen wie ich bin. Sie hätten Angst, dass ich Sachen aussprechen könnte, die sie nicht ertagen könnten und so müßte ich mich, um mit ihnen zu sein, ver-halten, still halten, aushalten, wäre irgendwann ebenso emotional zu Eis erstarrt wie sie.zu Eis erstarrt

Es ist schwer zu erklären, aber das sind die Folgen des 2.Welt-Krieges.
Alles Emotionale, vor Allem das Konflikthafte, rührt an alten Kindheitsängsten von Chaos, Gewalt und Überforderung.
Deshalb MUSS heute Alles sicher sein, gut/optimal sein, vor allem sie selbst und ihre Kinder. Keine Fehler, keine Hilflosigkeit darf zugelassen werden und somit keine Menschlichkeit. Alles muss perfekt sein, die Perfekten, Eltern wie im Quelle Katalog. Menschliche Schwächen werden bekämpft und abgewertet, sind bedrohlich.

Meine Mutter habe nichts Mütterliches, Fürsorgliches, Weibliches sagt meine Schwägerin.
Nein, wie soll sie denn auch? Sie selbst wurde nicht mütterlich umsorgt, sondern hat massive Verwahrlosung und Gewalt erlebt. Da ist nichts mehr übrig, um sich liebevoll um Andere zu kümmern. Sie kann Andere nur mechanisch versorgen und dafür sorgen, dass sich mein Vater um sie kümmert.
Mein Vater mußte schon als kleiner Junge ein starker Mann sein und seine schreckliche Hilflosigkeit während des Krieges verleugnen. Zum Mann sein gehört in seiner Vorsetllung: keine Gefühle zu haben, Gefühle sind schwach. Er muss zynisch Alles Emotionale von sich halten, Alles kontrollieren und viel Geld verdienen, um die Familie zu ernähren. Nichts Weiches, Einfühlsames, Liebevolles ist ihm im zwischenmenschlichen Ausdruck möglich.

Ich kann es nicht ändern, kann andere Menschen, meine Eltern nicht ändern.
Ich kann nur um die verlorenene Kinder trauern, die meine Eltern waren und die Einsamkeit fühlen, die das für sie bedeutet und die für sie nicht fühlbar ist.
Meine Kindheit wurde durch die emotionale Armut meiner Eltern ebenfalls einsam, aber es war mir möglich, den Schmerz darüber wieder fühlbar zu machen.

Ich kann es deshalb in meinem Leben heute anders machen. All meine Gefühle als zugehörig zu mir erleben, mit mir und somit mit Anderen verbunden sein. Ansprechen, Aussprechen, kreativ ausdrücken was in mir ist, Vertrauen in die Menschen und die Welt setzen.

Das ist einer der Gründe, warum ich Therapeutin geworden bin. Ich will die Menschen mit sich selbst in Verbindung bringen, erst dann können sie sich und Andere lieben.
Ich arbeite daran, dass die Gewalt auf der Welt weniger wird. Mit Mit-Gefühl für sich und Andere, ist keine Gewalt möglich.
Meiner eigenen Familie kann ich nicht DIREKT helfen. Das macht mich immer wieder mal sehr traurig und das ist gut so.
Denn das so Anzunehmen gehört zu meinen Lebensaufgaben. Das Ende meiner AKTIVEN Möglichkeiten anerkennen. Ich kann meine Familie nur aus der Ferne lieben und das tue ich weiterhin. Auch das hilft ihnen.Alles fließt

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Über sabinepabel

Ich habe eine Praxis für Kunsttherapie und Traumatherapie / Somatic Experiencing in Berlin Kreuzberg/Mitte, Deutschland. Dieser Blog bildet einen Übergang / ein transitional zwischen Themen, die mich beruflich und privat bewegen. Meine Website: www.kunsttherapie-pabel.de
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3 Antworten zu ZU EIS ERSTARRT

  1. A.W. schreibt:

    Stillness

    Being quiet for listening
    Reminding long ago’s that emerge quietly to the surface
    Breathing and smiling

    Smiling into the deep down inside
    Where forgiveness waves likes the breathing tide
    filling and emptying
    Touching the inner shore of our sensitivity gently

    There is no need to persuade a sunset
    Acknowledging one’s path without judging
    Means to truly return to myself

    Returning to myself in the family of souls.

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  2. Heike Fillinger schreibt:

    Hallo Frau Pabel,

    ich hab gerad ein heilsames mir aus der Seele sprechendes Gedicht entdeckt, vielleicht kennen Sie das ja auch schon:

    Mascha Kaléko
    Sozusagen grundlos vergnügt

    Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen

    Und dass es regnet, hagelt, friert und schneit.
    Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
    Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
    – Dass Amseln flöten und das Immen summen,
    Dass Mücken stechen und dass Brummer brummen.
    Dass rote Luftballons ins Blaue steigen.
    Dass Spatzen schwatzen. Und dass Fische schweigen.

    Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht
    Und dass die Sonne täglich neu aufgeht.
    Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
    Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
    Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
    Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
    Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
    Ich freue mich vor allem, dass ich bin.

    In mir ist alles aufgeräumt und heiter;
    Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
    An solchem Tag erklettert man die Leiter,
    Die von der Erde in den Himmel führt.
    Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
    – Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.
    Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
    Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
    Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!
    Ich freu mich, dass ich… Dass ich mich freu.

    Aus: ‚In meinen Träumen läutet es Sturm’
    (c) 1977 Deutscher Taschenbuch Verlag

    …und das jeden TAG auf`s NEUE…auch , wenn`s noch so traurig ist… bei mir Im moment sehr..diese Wunden der Vertreibung sind noch nicht geheilt in unserer Familie…ich bin die Einzige, die sie SIEHT… und damit im Momnet sehr traurig… es ist so schnerzhaft und manchmal sehr verzweifelt…doch dann, zwitschert ein Vögelchen oder steht eine Blume unverhofft am Wegesrand… und ich denke, ja ihr habt es auch nicht einfach und bleibt doch hier….und sie sind einfach da und leben und lieben UNS…

    Ich wünsche Ihnen von Herzen alles LIebe.
    Heike Fillinger

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